Was das Große Walsertal von der Gemeinde Vals (CH) und einer FIS Weltcup-Gemeinde in Slowenien lernen kann – Ergebnisse aus dem alpenweiten Projekt TranStat
Im Großen Walsertal trägt wie in vielen Regionen der Alpen der Wintertourismus nicht nur zum lokalenSelbstverständnis, sondern auch zu einem beträchtlichen Teil der Wertschöpfung bei.
Marco Bischof als Betriebsleiter der Seilbahnen Sonntag-Stein hebt die Wichtigkeit des Wintertourismus für die Region hervor: „Wir fördern die Kinder- und Jugendarbeit, kurbeln die Wirtschaft für unsere heimischen Handwerks- und Tourismusbetriebe an und schaffen Arbeitsplätze“.
Die aktuelle Wertschöpfungsstudie der Alpenregion Bludenz unterstützt diese Aussage und zeigt den direkten und indirekten monetären Einfluss in der Region deutlich, auch wenn der Sommertourismus zunehmend wächst und die Nächtigungen im Sommer die Wintersaison inzwischen übertreffen. Was aber tun, wenn das Risiko schneearmer Winter größer wird und ein Verlust von Identität und Geld droht?
Das INTERREG Projekt TranStat hat Wintertourismusgemeinden im ganzen Alpenraum dazu eingeladen, sich über die Zukunft des Skitourismus zu unterhalten.
Einerseits um voneinander lernen zu können. Aber auch um in der Region selbst zentrale Themen auf den Tisch zu bringen. Einige Touristiker/innen im Biosphärenpark Großes Walsertal haben sich aktiv am Austausch beteiligt.
"Das Große Walsertal hat für mich den Vorteil, dass sich die meisten der bestehenden Skigebiete in einer Höhenlage befinden, in der noch mit Naturschnee - unterstützt durch technische Beschneiung - auch in Zukunft ein vernünftiger, wenn auch fallweise kürzerer Wintertourismus möglich sein wird. Die vorwiegend Nordseitigen Hanglagen und die landwirtschaftliche Nutzung der Wiesen lassen einen Skibetrieb auch bei geringen Schneeauflagen zu", sagt hierzu Karl Türtscher. Als Geschäftsführer der Bergbahnen Faschina war er selbst beim Projektabschluss im slowenischen Kranjska Gora mit dabei. "Ein gutes Beispiel finde ich, dass die Regionen sich Gedanken machen, dort, wo es sinnvoll ist, auch Alternativen zum Skifahren anzubieten. Zweifellos ist aber die Wertschöpfung der Gäste mit Verbindung zum Wintersport in der Region höher."
Kranjska Gora als etablierter Austragungsort im FIS Weltcup-Zirkus kann zweifellos eine Ski-Identität nachgesagt werden. Auf einer Meereshöhe von ca. 900 Metern haben Events und ein eigendynamisches Wachstum der Wintersport-Infrastruktur für (sehr) viele Gäste in der slowenischen Gemeinde gesorgt. Heute ist dort die oberste Priorität die Abhängigkeit vom Wintertourismus und Einzelevents zu senken. Zu wenig zuverlässig liegt überhaupt noch Schnee und zu hoch das Risiko existenzieller Einnahmeverluste. Gleichzeitig zu wenig tragbar waren Verkehrssituation und Massentourismus für die 2000 Einwohner zu den Spitzenzeiten. Die inzwischen vorgenommene Neupositionierung als Ganzjahresdestination mit konsequent wachsender Anzahl an Angeboten im Sommer verteilt Einkommen zunehmend auf das ganze Jahr
und flacht Spitzenbelastungen ab.
Die Gemeinde Vals im Schweizer Kanton Graubünden liegt auf 1’252 m ü. M. und wurde vor rund 700 Jahren von Oberwallisern besiedelt. Heute stammen rund zwei Drittel des Volkseinkommens aus dem Tourismus und auf etwa 1000 Einwohner entfallen ebenso viele Gästebetten. Nach mehreren schneearmen Wintern stand die Bergbahn Vals 2015 kurz vor dem Konkurs. Trotz wiederholter finanzieller
Unterstützung durch die Gemeinde blieb die wirtschaftliche Lage angespannt. Ab 2019 wurde der Betrieb deshalb als solidarisch finanzierter öffentlicher Service neu organisiert. Die Gemeinde übernimmt rund zwei Drittel der jährlichen Gesamtkosten, getragen durch Beiträge von Einwohnern, Hotels und Zweitwohnungseigentümern. Im Gegenzug ist die Gondelbahn zum Bergrestaurant ganzjährig kostenlos und die Skiticketpreise wurden deutlich reduziert. Dieses Modell hat sich als durchaus erfolgreich herausgestellt. Der operative Geldfluss ist positiv, die Gastronomieumsätze stiegen um rund 50 % und die Gästezahlen nahmen im Winter 2023/24 um 22 % sowie im Sommer 2023 um 29 % gegenüber dem Fünfjahresschnitt zu.
Saint-Pierre-de-Chartreuse in den französischen Alpen hat vor dem Hintergrund klimatischer Veränderungen auf 900 Meter Meereshöhe für sich erst grundlegende Probleme gelöst. Während vorher Probleme isoliert von allen Einzelakteuren angegangen wurden, hat der Anpassungsdruck alle Akteure zusammengebracht. Politik auf verschiedenen Ebenen, Einheimische, Zweitheimische und lokale Interessengruppen haben eine breit akzeptierte Neuorientierung zu einem „tourisme doux“ (sanften Tourismus) beschlossen. Erholung, Natur und Authentizität stehen im Mittelpunkt. Spezifische Angebote werden ebenfalls in dieser Struktur entwickelt und umgesetzt.
Vergangene Entscheidungen der Talbevölkerung für oder wider einzelne Entwicklungen haben problematische Situationen, wie sie jetzt andere Alpengemeinden betreffen, für unsere Region erspart.
"Die Zusammenarbeit von Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen hat gezeigt, wie wertvoll respektvoller Austausch und offene Gespräche sind. Trotz unterschiedlicher Perspektiven teilen die Menschen im Tal eine Vision für den Tourismus der Zukunft im Großen Walsertal: ein resilienter, authentischer, eigenständiger Tourismus, der die Lebensqualität für Einheimische sichert und Kultursowie Naturlandschaften bewahrt", beschreibt Kathrin Schwab vom Büro AlpS ihre Eindrücke als Begleiterin des Projekts.
Entscheidungen können nach wie vor von Einheimischen im Tal getroffen werden. Zweitheimische und Investoren von außerhalb haben kein Übergewicht. Einige Regionen im Projekt haben dadurch
das Große Walsertal als ein positives Beispiel für gute Praxis wahrgenommen. Um aber den ökonomischen und gesellschaftlichen Mehrwert des Wintertourismus im Tal auch bei weniger Schnee
langfristig zu sichern, kann unsere Region sich durchaus noch Ideen von anderen Regionen anschauen.
Abschlussbericht - Dokumente zum Download (englisch):
TranStat Cookbook: Recipes for Sustainable Mountain Resorts
Transtat RoadMap
Transtat Policy Recommendations
Videos zum Projekte
Video 0 - Introduction to TranStat Project.mov - Google Drive
https://www.youtube.com/watch?v=ZpSSw2p__IA&list=PLvIJQbzC88BIKqcga-oEw8O3xj9-TlfNe