Das Forschungsprojekt „ALPANACH“ untersucht die Landschaftsentwicklung von Alpen im Biosphärenpark Großes Walsertal auf drei sich ergänzenden Ebenen: (1) Mittels Fernerkundung analysiert das Institut für Geomatik der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) Veränderungen von Vegetationsund Nutzungsstrukturen quantitativ. (2) Biolog/innen von Naturraumplanung Egger modellieren Szenarien, die die Folgen unterschiedlicher Bestoßungsdichten und Bewirtschaftungsformen auf Vegetation, Biodiversität und Flächenzustand abschätzen. (3) Aus betrieblicher Perspektive erheben georaum und der wissenschaftliche Verein Landschaftwasser Daten, Statistiken und Einschätzungen
um Treiber, Hemmnisse und Möglichkeiten in der Zukunft sichtbar zu machen. Gefördert wurde das Projekt zu 100 % durch die Österreichische
Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer Förderlinie, die gezielt Forschung in Biosphärenparks unterstützt.
Der größte Wandel liegt lange zurück: In den 1950er/60er-Jahren kamen Mechanisierung, neue Wege und Transporthilfen. Damit wurde die harte
Handarbeit leichter – und die Bewirtschaftung konzentrierte sich auf die gut erreichbaren Flächen, die wir bis heute kennen. Seither ist die Zahl der Talbetriebe nur moderat gesunken, die Großvieheinheiten (GVE) je Betrieb sind leicht gestiegen, die Milchanlieferung blieb über Jahre erstaunlich stabil. Sprünge in Flächenstatistiken hängen teilweise mit der Datenerfassung (z. B. INVEKOS) zusammen.
Was sagen die Luftbilder? Unsere Fernerkundung vergleicht die Zeitpunkte der 1950er, die 1980er und 2022. Auf der Alpe Gaden beispielsweise sinkt die „niedrige Vegetation“ (offene Weideflächen) von rund 71 % auf 58 %, der Wald steigt von etwa 26 % auf 36 %. Ähnlich auf Steris. Ischkarnei bleibt stabil (offen ca. 80 %, Wald 13–16 %). Auf Matona bleibt der Wald fast gleich (17–18 %), aber die vegetationsfreien Flächen gehen von etwa 18 % auf < 9 % (2022) zurück; spiegelbildlich steigt die niedrige Vegetation auf rund 73 %. Der Gesamtrend: Die Waldflächen nehmen langsam zu, offene Weide schrumpft punktuell.
Was passiert, wenn weniger Tiere oben sind? Die Szenarien zeigen es einfach: Sinkt die Bestoßung – etwa von 0,8 auf 0,5 oder 0,3 GVE/ha je 100 Weidetage – oder stellt man von Milch- auf reine Jungviehalmen um, dann wird vor allem rund ums Almzentrum geweidet. Rand- und magerere Flächen fallen aus, die Artenvielfalt nimmt ab, Gebüsch und Wald nehmen zu, und der nutzbare Energieertrag der Weiden
sinkt. Besonders schnell geht das in der subalpinen Stufe (potenzielle Waldzone).
Was hören wir aus den Betrieben? In mehreren Gesprächsrunden mit vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden drei Punkte immer wieder genannt: Arbeit ist der Engpass (Behirtung, qualifiziertes Saisonpersonal), Wasser wird in trockenen Sommern zum Thema, und die Abnahmebedingungen der Molkereien müssen verlässlich sein. Herdenschutz beschäftigt viele zusätzlich. Biodiversitätsauflagen und Digitalisierung werden dagegen nicht als Hauptbremsen erlebt.
Und was hilft jetzt praktisch? Kurz gesagt: Genug Tiere, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort – und Menschen, die das steuern. Professionell behirtete Alpen, gesicherte Wasserstellen und Tränknetze, Bestoßung, die auch die „mageren“ Ränder mitnimmt und Maßnahmen die aktuelle Themen betreffen, Förderungen und Abnahmeverträge in überarbeiteter, angepasster Form werden einen Weiterbestand sichern. Ohne solche Anreize wandert die Nutzung automatisch in die bequemen Zentralbereiche – der Startpunkt für Verbrachung und spätere Verwaldung am Rand.
Fazit: Das System wirkt insgesamt stabil – doch im Detail sind zarte, aber klare Trends erkennbar. Wenn Arbeit, Wasserverfügbarkeit und marktnahe Anreize gestärkt und anlassbezogen beim Herdenschutz unterstützt wird, bleibt die Milchwirtschaft der Taktgeber im Großen Walsertal. Die Zahlen aus Luftbildern und Szenarien helfen dabei, früh zu erkennen, wo gegenzusteuern ist – damit die Almen offen, artenreich und futtertragfähig bleiben.
Die Autoren der ALPANACH Studie
Analyse der Alpwirtschaft für eine nachhaltige Zukunft im Biosphärenpark Großes Walsertal Endbericht herunterladen (85.43 MB)
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